Barmherzigkeit

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Lukas 6,36 LU17
Was ist Barmherzigkeit?
Zuallererst drängte sich mir die Frage auf, was Barmherzigkeit eigentlich ist. Papst Franziskus sagt dazu, dass Barmherzigkeit bedeutet, das Herz für die Not zu öffnen. Aber dazu muss man die Not des Nächsten erkennen. Oft gehen wir durchs Leben und sind so mit unseren scheinbaren Problemen beschäftigt, dass wir die Not des anderen nicht erkennen. Viele Menschen blicken nur auf uns selbst und genau das muss sich ändern. Erst wenn wir unsere Augen für die Not anderer öffnen, erkennen wir die mannigfaltigen Möglichkeiten Gutes zu tun.
Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit
Papst Franziskus rief das Heilige Jahr der Barmherzigkeit vom 8. Dezember 2015 bis zum 20. November 2016 aus. In diesem Jahr feierte man die Barmherzigkeit ganz besonders. Missionare wurden mit besonderen Vollmachten ausgesandt um Barmherzigkeit in Form von Lossprechung der Sünden üben zu können. Unterschiedlichste Gruppen von Menschen wurden nach Rom zu besonderen Pilgerfahrten eingeladen. In diesem Heilige Jahr wurde der Barmherzigkeit ganz besonders bedacht und gefeiert.
Als Christen sollten wir aber immer barmherzig sein. Nicht nur wenn wir dazu aufgerufen oder daran erinnert werden. Unser Glaubensziel ist es, in das Wesen Jesu hinein zu wachsen. Barmherzigkeit ist ein essenzieller Wesenszug Jesu und sollte einen entsprechenden Stellenwert bei uns einnehmen.
Barmherzigkeitssonntag
Der Barmherzigkeitssonntag wurde von Johannes Paul II. eingeführt und findet jedes Jahr am Sonntag nach Ostern statt. Der erste Barmherzigkeitssonntag war an der Heiligsprechung von Sr. Faustina, die eine Vision vom Barmherzigen Jesus hatte:
Am Abend, als ich in der Zelle war, erblickte ich Jesus, den Herrn, in einem weißen Gewand. Eine Hand war zum Segnen erhoben, die andere berührte das Gewand auf der Brust. Von der Öffnung des Gewandes an der Brust gingen zwei große Strahlen aus, ein roter und ein blasser. Schweigend betrachtete ich den Herrn; meine Seele war von Furcht, aber auch von großer Freude durchdrungen. Nach einer Weile sagte Jesus zu mir: Male ein Bild, nach dem, das du siehst, mit der Unterschrift: Jesus, ich vertraue auf Dich. (…) Ich verspreche, daß jene Seele, die dieses Bild verehrt, nicht verlorengeht. Ich verspreche auch, hier schon auf Erden, den Sieg über Feinde, besonders in der Stunde des Todes.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Gnadenbild_vom_Barmherzigen_Jesus
Jedes Jahr feiert die katholische Kirche an diesem Sonntag die Barmherzigkeit, indem ein vollkommener Ablass erteilt wird, damit die Gläubigen dieses Fest mit ganzem Herzen begehen können. (siehe https://www.vatican.va/roman_curia/tribunals/apost_penit/documents/rc_trib_appen_doc_20020629_decree-ii_ge.html)
Die Barmherzigkeit Jesu
Vor allem Jesus hat uns etliche Beispiele für die Barmherzigkeit gegeben. Dazu gehört z.B. die Geschichte der Ehebrecherin. Jesus hatte nicht nur Mitleid mit dieser Frau. Er hat sie in seiner Barmherzigkeit gerettet. Er sorgte dafür, dass sich alle Menschen, die zu der Steinigung kamen, als Sünder erkannten. Keiner warf den ersten Stein, weil Jesus diesen Menschen zeigte, dass sie alle Sünder waren. Gleichzeitig zeigte er ihnen am Beispiel der Ehebrecherin, dass allen Menschen Barmherzigkeit widerfahren kann.
Ein weiteres Beispiel ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der Vater wartete jeden Tag auf seinen verlorenen Sohn. Er suchte den Horizont ab und hoffte darauf, dass er zurück käme. Als er dann erfuhr, dass seine Sohn sein Erbteil verprasst hatte, gab er dem jungen Mann nicht einmal die Chance dazu sich selbst anzuklagen. Er nahm ihn Liebevoll in seine Arme, küsste ihn und er richtete ein Fest zu seinen Ehren aus. Er war ein Barmherziger Vater, der die Not seines Kindes erkannte und sich ihm aus der Liebe heraus zuwandte.
Im vergangenen Übertragungsgottesdienst gab uns Michael Ehrich ein drittes Beispiel, die Erweckung des Jünglings zu Nain. Jesus erfasste das volle Ausmaß der Not, in der sich die arme Witwe befand. Sie hatte ihr Kind verloren und wäre das nicht schlimm genug, hatte sie nun keine soziale Sicherungen mehr. Sie war auf sich alleine gestellt und hatte eine sehr schlechte Stellung in der Gesellschaft von damals. Jesus erbarmte sich ihrer und löste ihre Nöte in Luft auf, indem er ihren Sohn wieder ins Leben zurück holte.
Gottes Barmherzigkeit
Menschliches Mitleid hat seine Grenzen. So empfindet man vielleicht nicht mit jedem Menschen Mitleid oder irgendwann lassen einen die Nachrichten kalt. Es passiert einfach zu viel Schlimmes in der Welt und der Mensch stumpft dabei ab. Er gewöhnt sich daran, das Leid zu sehen und übersieht es dann einfach.
Göttliche Barmherzigkeit ist anders, denn sie ist Grenzenlos. Gott möchte sich jeden Menschen barmherzig nähern und hat dafür die Kirche als einen Ort der Vergebung und Heilung geschaffen. Die Kirche ist dabei kein fester Ort oder ein Kirchengebäude. Es sind die Menschen, die Teil dieser Kirche sind. Gott macht uns schwache Menschen zu seinen Werkzeugen und schickt uns zu Menschen hinaus, die durch die Sünde verwundet sind. Er schickt uns schwache Sünder hinaus um ihre Wunden zu versorgen und zu heilen.
Wie können wir Barmherzig sein?
Wir müssen unsere Augen stets für die Nöte unserer Mitmenschen offen halten. Wenn wir die Not mit unseren Herzen sehen und erkennen, dann können wir Gutes tun. In der christlichen Tradition kennt man die Werke der Barmherzigkeit.
Da gibt es zuerst die Leiblichen Werke der Barmherzigkeit, wie die Hungrigen zu speisen, die Obdachlosen zu beherbergen, Nackte zu kleiden, Kranke und Gefangen zu besuchen, Tote zu begraben und Almosen zu geben.
Dann gibt auch die Geistlichen Werke der Barmherzigkeit, wie die Unwissenden zu lehren, Zweifelnde zu beraten, Trauernde zu trösten, Sünder zurechtzuweisen, Beleidigern gern zu verzeihen, Lästige geduldig zu ertragen und für die Lebenden und die Verstorbenen zu beten.
Wenn wir nur eine dieser Taten jeden Tag tun, wäre die Welt ein ganze Stück besser.
Der kleinste Türspalt
Papst Franziskus sprach im Zusammenhang mit der Barmherzigkeit oft davon, den kleinsten Türspalt zu suchen. Er zitierte dabei in einem Interview mit Andrea Tornielli Don Luigi Giussani, der wiederum aus dem Buch „Keiner kommt zu kurz“ von Bruce Marshall zitierte:
Die Hauptfigur Abbé Gaston, muss einem jungen deutschen Soldaten, den französische Partisanen zum Tode verurteilt haben, die Beichte abnehmen. Der Soldat beichtet seine Leidenschaft für die Frauen und seine zahllosen amourösen Abenteuer. Der Abbé erklärt ihm, dass er Reue empfinden muss, um Vergebung und Absolution zu erlangen. Und der junge Mann sagt: „Aber wie soll ich das bereuen? Ich fand es toll, und wenn ich könnte, würde ich es selbst jetzt noch tun.“ In diesem Moment hat Abbé Gaston, der den jungen, vom Schicksal gezeichneten Mann lossprechen will, einen Geistesblitz und er fragt ihn: „Aber tut es dir denn leid, dass du nicht bereuen kannst?“ Und der junge Mann antwortet spontan: „Ja, es tut mir leid, dass ich nicht bereuen kann.“ Und dies ist der winzige Türspalt, der sich öffnet und die Absolution erlaubt.
F., Tornielli, A. (2016). Der Name Gottes ist Barmherzigkeit: Ein Gespräch mit Andrea Tornielli. Deutschland: Kösel.
So wirkt die Barmherzigkeit Gottes. Er möchte, dass nicht ein einziger Mensch verloren geht. Unser Himmlischer Vater möchte, dass alle Menschen Heil erfahren und er beugt sich in seiner unendlich großen Barmherzigkeit zu uns und heilt uns mit einer liebevollen, zärtlichen Umarmung von unseren Sünden. Die einzige Bedingung ist, dass wir einen kleinen Schritt auf ihn zugehen oder dass zumindest der Wunsch in unserem Herzen steht, Gott ein wenig näher zu kommen.
Literatur
- Leitgedanken 2025/03, 23.03.2025, Barmherzig sein, Verlag Friedrich Bischoff GmbH
- F., Tornielli, A. (2016). Der Name Gottes ist Barmherzigkeit: Ein Gespräch mit Andrea Tornielli. Deutschland: Kösel.